Wir alle kennen Konrad Adenauer als disziplinierten, konservativen und unbeirrbaren Staatsmann – als ersten Bundeskanzler, als Architekten der jungen Republik, als „Alten aus Rhöndorf“. Doch hinter dieser historischen Figur verbirgt sich ein Mensch mit Ecken, Humor, Pragmatismus und überraschenden Seiten. Mit vier Kurzgeschichten versuchen wir uns anzunähern.
„Klotzen, nicht kleckern“ – Eine Brücke mit kommunistischer Hilfe
Als Oberbürgermeister von Köln setzte Adenauer in den 1920er-Jahren den Bau einer neuen Rheinbrücke durch. Preisjury und Stadtrat favorisierten eine klassische Gitterbrücke – Adenauer jedoch wollte eine elegante Hängebrücke.
Er ließ erneut abstimmen und gewann – ausgerechnet mit den Stimmen der Kommunisten. Ideologische Grenzen spielten für ihn in dieser Sache keine Rolle, wenn es um Fortschritt für seine Stadt ging. Die Brücke ist bis heute umstritten, doch Adenauer hatte sie gegen Widerstände durchgesetzt.
Ein Kanzlergesicht und amerikanische Fantasien
Adenauers markante Gesichtszüge gaben immer wieder Anlass zu Spekulationen. Die flache Nase und die ausgeprägten Wangenknochen veranlassten den US-Außenminister angeblich dazu, den Kanzler zu fragen, ob unter seinen Vorfahren „Indianer“ gewesen seien. Die nüchterne Wahrheit war weit weniger exotisch: 1917 hatte Adenauers Chauffeur in Köln einen Unfall gebaut, bei dem Adenauer sich Nase und Wangenknochen brach. Sein Sohn erklärte später, der Vater habe dadurch „ein anderes Gesicht“ bekommen.
Der Kölner Oberbürgermeister boykottiert den Karneval
Man würde es kaum vermuten: Der bekannteste Oberbürgermeister der Domstadt – Konrad Adenauer - war kein Freund des Karnevals. Als Bundeskanzler beobachtete er die Karnevalssitzungen seiner Heimatstadt mit wachsendem Missfallen. Die bissigen Satiren, die juristischen Grenzgänge und der politische Spott gingen ihm zu weit.
1952 dachte er sogar darüber nach, Karnevalisten juristisch belangen zu lassen. Am Ende entschied sich das Justizministerium für Zurückhaltung – aus „Verständnis und Nachsicht“. Adenauer reagierte konsequent: mit einem persönlichen Karnevalsboykott. Für den Rheinländer ein bemerkenswerter Schritt.
Red Flags gab es schon damals – Adenauer und der holländische Nato Generalsekretär Joseph Luns
Auch als Staatsmann blieb Konrad Adenauer zutiefst menschlich – und bisweilen erstaunlich lakonisch. Ein rotes Tuch war ihm lange der niederländische Außenminister Joseph Luns, der auf internationaler Bühne selbstbewusst und unbeirrbar die Interessen seines Landes vertrat und sich europäischen wie deutschen Plänen entschieden entgegenstellte.
„Ich könnte ihm den Hals umdrehen“, soll Adenauer einmal über Luns gesagt haben. Wenn er selbst einmal niedergeschlagen sei, so Adenauer, helfe ihm der Gedanke, dass es Frau Luns vermutlich noch schlechter gehe als ihm.



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